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U-Verlagerung "Labrador" bei Rüdersdorf

 

Rampe zu einem der Notausgänge

Stollenrest mit Verbruch am Tagebau

 

Typ : U-Verlagerung, später Führungsstelle GSSD bzw. NVR
Bunkertypen : Luftschutzstollen1
Etagen : 1
Zustand : im Zuge einer Tagebauerweiterung zum größten Teil abgerissen, Reste verschüttet

 

Auf dem Gelände des heutigen Kalksteinbruches Rüdersdorf befand sich bis Anfang der 80iger Jahre des letzten Jahrhunderts ein Stollensystem: Die erste Ausweichführungsstelle des Nationalen Verteidigungsrates der DDR mit dem Decknamen "Traube". Die Geschichte dieser Anlage beginnt bereits zur Zeit des 3. Reiches, als am Heinitzsee eine U-Verlagerung mit dem Tarnnamen "Labrador"1 für die Rüstungsproduktion (unter anderem ein Kugellagerwerk) geschaffen wurde. Auch wurden 27 Kisten der Mineraliensammlung des Museum für Naturkunde in die geschaffenen Stollenanlagen eingelagert.3 Die insgesamt 4 Hauptstollen (Labrador I - IV) wurden beim Bau mit Stahlbeton und Ziegelmauerwerk ausgekleidet. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges übernahm zunächst die Rote Armee und dann die 1954 aufgestellte GSSD die Anlage, baute diese als Führungsstelle aus und nutzte diese bis zum Umzug nach Wünsdorf. 1962 wurde die zu diesem Zeitpunkt auf 8100 m2 Nutzfläche und 154 Räume ausgebaute Anlage2 schließlich an die DDR übergeben. Das unter einer bis zu 35 m dicken Kalksteinschicht liegende Stollensystem diente nun als Hauptführungsstelle des Nationalen Verteidigungsrates der DDR mit dem Tarnnamen "Traube" und war somit der Vorgänger des Objektes 5001. Die aus 4 parallel liegende Stollen bestehende Anlage wurde nun kontinuierlich und ausschließlich durch Kräfte der Hauptabteilung Personenschutz des MfS ausgebaut und gewartet. Als Legendierung wurde das Objekt als Objekt der NVA geführt.

Zur Führungsstelle gehörte vor der Aufgabe des Objektes2:

- 5 gedeckte Zugänge
- 165 Belegungsräume und 3 Lagerräume
- Eine Nachrichtenzentrale
- 5 Lüftungsanlagen, davon 4 Stück mit Spezialfiltern ausgestattet
- RDU Komplekte zur Sauerstoffregenerierung
- Ein Netzersatz Aggregat vom VEB SKL mit 330 KVA Scheinleistung
- Ein Netztransformator mit 315 KVA
- NSHV: Schaltanlage vom Typ ISA 2000

Problematisch war ab 1974 die Nutzung des anliegenden, mittlerweile leergepumpten Heinitzsees als Tagebau durch den VEB Zementwerke Rüdersdorf. Bereits 19762 beantragte der Betriebsdirektor der Zementwerke eine Tagebauerweiterung, die das Gelände des Objektes "Traube" mit einschloss, was jedoch zunächst abgewiesen wurde. 1979 verfasste der Minister für Nationale Verteidigung ein Schreiben an Erich Honecker, in dem er darauf hinwies, dass die Kalksteinvorräte des Zementwerkes ohne Erschließung des Standortes des Objektes als Abbaufeld im Jahr 1980 erschöpft seien und bis 1981 der Abbau beginnen müsste, da sonst die Zementproduktion zum Erliegen komme2. Als Übergangslösung bis zur Fertigstellung des Objektes 17/5001 wurde die Bunkeranlage Hennickendorf (FüSt MfNV mit der Schutzklasse A) als Führungsstelle des NVR vorgeschlagen und schließlich auch dazu genutzt.

Ab dem Sommer 1979 wurde dann mit dem Rückbau begonnen, es sollte so gründlich vorgegangen werden, dass ein Rückschluss auf die frühere Verwendung der Anlage nicht mehr möglich ist. Die Stollenanlagen wurden vollständig entkernt, Einbauten und Mobiliar wurden teilweise in anderen Anlagen wieder verwendet. Die Filteranlagen wurden ausgebaut und zu Übungszwecken weiter genutzt. In einer Lüftungskammer wurde eine Probesprengung durchgeführt, um die Wirksamkeit der verbauten Schnellschlussventile und Membranklappen vom Typ KOD 5/5 zu testen2. Verbleibende Anlagen wie die Tankanlage und das Netzersatzaggregat wurden durch Sprengungen zerstört. Die Zugänge wurden vermauert. Am 1.12.1980 wurde schließlich das Gelände dem VEB Zementwerke Rüdersdorf entschädigungslos übergeben2. Im folgenden wurde das Stollensystem, beobachtet durch ein Nachkommando des MfS, ab 1982 vom Tagebau "gefressen". Dabei fertigten Mitarbeiter des MfS auch Fotos vom Abbau an2.

 

 

Modell der Stollenreste.

 

 

Übrig blieb das nach dem Berghauptmann Friedrich Wilhelm von Reden (1752 - 1815) benannte Redenportal, dieses wurde durch Verschüttung konserviert. Weiter existiert heute noch ein kleiner Stollenabschnitt, welcher zu Zeiten als Führungsstelle des NVR als Notausstieg und Kabeleinführungsstollen verwendet wurde, letzterer wurde dazu allerdings nicht ausgebaut und blieb ungesichert.4 Die (unspektakulären) Stollenreste mit einer Gesamtlänge von etwa 120 Meter waren am Anfang des Jahrzehntes zeitweilig durch interessierte geöffnet worden, sind heute aber verschüttet, eine Begehung ist nicht mehr möglich.

 

1Hans Walter Wichert: Decknamenverzeichnis deutscher unterirdischer Bauten ,Ubootbunker,Ölanlagen,chemischer Anlagen und
                                    WIFO-Anlagen des zweiten Weltkrieges.
2BStU MfS HA PS 10345
3http://www.universitaetssammlungen.de/sammlung/758/geschichte
4Jürgen Freitag, ehemaliger stellvertretender Bauwerkskommandant des Objektes 17/5001 und Zeitzeuge des Rückbaus

 

Stand: 08/2018

 

 

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Direktlink zur Bildergalerie : Reste des Objektes Traube

 

 

 

Bunker

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