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3. Das Schutzbauwerk I: Das Objekt "OGK" (Der "Stabsbunker")

 

Dokument 3: Grundriss des Obst- und Gemüselagers, man beachte den noch fehlenden Brunnenschacht5

 

3.1 Daten und Aufbau

 

Bei dem zuerst errichteten Bunker in der Waldsiedlung handelt es sich um eine Variante des bereits erwähnten Wiederverwendungsprojektes 1/15 mit der Bezeichnung 1/15/V2. Dieser Bunker war die erste, vom MfS errichtete doppelflügelige Anlage des Projektes 1/15. Im Prinzip wurde das Projekt gespiegelt und so aneinander gebaut, dass beide Hauptverbindungsgänge parallel aneinander und die jeweils acht stollenartigen Räume mit jeweils einer Länge von 13,8 m (Messungen unsererseits haben 14,02 m ergeben, die Abweichung wurde durch die Fugenmaße verursacht) sich gegenüber liegen (vergl. Abbildung 1, Grundriss I/15). Ein neunter Stollen auf beiden Seiten nahm die Sanitäranlagen auf.
An den Enden der Raumstollen 1 und 16 befinden sich die Zugänge zu den Lüftungsstollen, welche noch einmal jeweils in 5 Kammern unterteilt sind. Zwischen beiden Bunkerhälften existiert eine Verbindungstür in Form einer GT 80-180.

Der Schleusenvorbau besteht aus einem Zugangstunnel, dem so genannten Verbindungsgang, mit Zugängen an beiden Enden und den ebenfalls spiegelbildlich ausgeführten Vor- und Hauptschleusen. Die beiden Zugänge, abgedeckt durch eine auf Schienen rollbare Abdeckung, waren hier, im Gegensatz zu meisten anderen Projekten 1/15, nicht mit einem Tarnüberbau versehen, sondern lagen im Freien. An der linken Vorschleuse schließen 2 Stollen für die Netzersatzanlagen an. An der "Spitze" des Kernbauwerkes befindet sich außerdem ein beim ursprünglichen Projekt 1/15 nicht vorhandener, zusätzlicher Stollen, in dem die Wasservorräte und der Bauwerkstechniker ihren Platz fanden.

 

Der linke Zugang zum Objekt "OGK"

Der Linke Hauptverbindungsgang, die Nummerierung stammt aus der Zeit als Champignonzucht

 

Die Stollen selbst bestehen aus 30 cm langen, rechteckigen Stahlbeton-Rahmenelementen des Typs F1 mit den Innenmaßen 1,86 m x 1,86 m (Breite x Höhe). Die Stärke der Wandungen betragen 12 cm. Dieser Bunker ist der einzige des Typs 1/15/V2, welcher aus leichten Rahmenelementen errichtet wurde, bei allen später gebauten 1/15/V2 Projekten (einschließlich des Familienbunkers) wurden schwere Betonrahmenelemente mit einer Wandstärke von 25 cm und anderen Innenmaßen verwendet. Auch die bei späteren Varianten (ab Variante 1/15/V2b) um den Bauwerkskörper herum platzierten, 67 cm starken Stahlbeton-Vorsatzelemente wurden bei dem hier vorgestellten Bauwerk noch nicht montiert. Über die Rahmenelemente wurde noch einmal eine 15 cm starke, bewehrte Betonschicht und eine 5 cm starke Estrichschicht gegossen, sodass daraus eine Deckenstärke von etwa 32 cm Beton resultiert. Die Erdüberdeckung über der gesamten Konstruktion beträgt 2 m.

 

Dokument 4: verbautes leichtes Rahmenelement vom Typ F15

 

Die 16 Raumstollen, die Sanitärstollen und die beiden LTA Kammern bildeten den Schutzkernbereich, auch "sauberer Bereich" genannt. Dieser Bauteil war hermetisierbar und wurde im Betrieb ständig auf einen Überdruck von 5 bis 40 mm Ws gehalten. In den Betriebsweisen I und II geschah dies über die Zuluftanlagen, in der Betriebsweise III wurde Pressluft aus Pressluftflaschen zum Halten des Überdruckes verwendet. Ein Anschluss für einen Atemluftkompressor zum Befüllen der Flaschen befand sich jeweils in den beiden LTA Kammern.

Die technische Ausstattung des Bauwerkes war im Vergleich zu später realisierten Anlagen diesen Typs relativ spartanisch.
Jeweils zwei Netzersatzanlagen vom Typ NELUS (Junkers Gegenkolbenmotor Typ 1HK65 beziehungsweise DDR Bezeichnung 1 NZD 9/12 mit Generator DCB 7,5-4-6) mit 7,5 KVA Scheinleistung fanden in den beiden NEA Stollen als Aggregate A,B,C und D ihren Platz und versorgten ihnen zugeordnete Bereiche des Bauwerkes mit Strom im Falle eines Netzausfalles. Die Aggregate C und D wurden im Jahr 1970 gegen größere Aggregate mit 15 KVA Generatorleistung ( Motor nun 2HK65) ausgetauscht, da die zunächst installierte Leistung (30 KVA, entspricht etwa 24 KW) nicht ausreichte5. Zur Kühlung und Versorgung mit Verbrennungsluft der NEA war über den NEA Stollen ein Kies-Druckwellendämpfer errichtet worden, die Abluftführung erfolgte über zwei Brunnenringschächte am Ende der Stollen, welche auch als Notausstiege genutzt werden konnten. Die Tankanlage (2 x 2500 Liter) für die Netzersatzanlagen befand sich bei diesem Bauwerk neben der linken Vorschleuse.

 

Der südliche NEA Gang mit NSHV an der linken Wand

Sanitärgang des linken Flügels

 

Eine Automatische Steuerung der Lüftungstechnik war nicht vorhanden, die Luftführung der Lüftungsanlagen mit 800 m3/h Volumenstrom wurde durch das Öffnen und Schließen der gasdichten Türen in den Lüftungsstollen "gesteuert". Eine Filteranlage mit einem Filter Typ PFP 1000 für Feinstäube und 4 Stück des Typs FP-200 (Absorptionsfilter) für jede Bauwerkshälfte wurde zwar projektiert und geliefert, jedoch nur ein einziges Mal für einen Probelauf eingebaut und danach verpackt und verplombt eingelagert5.

Ein Innenbrunnen im Bunker existierte im Projekt noch nicht, dieser wurde erst nachträglich im Jahr 1969 gebohrt und in das Bauwerk am Wasserversorgungsstollen eingebunden (siehe auch Dokument 3 - Grundriss OGK und Abschnitt 3.2 zur Baugeschichte). Weiter gehörte zur Wasserversorgung ein Vorratsbehälter und ein elektrischer Warmwasserbereiter. Die sanitäre Ausstattung beschränkte sich auf 6 Handwaschbecken, 6 WC und jeweils eine Duscharmatur in beiden Vorschleusen. Eine Wasserfilterstation WFS 2/72 wurde später nachgerüstet.

 

Dokument 5: Grundriss mit Raumbeschriftung

 

Zusammenfassend hier noch einmal die Bauwerksdaten im Überblick:

- Tarnnamen: Obst- und Gemüsekeller, OGK, Obst -und Gemüselager, SBW I
- Wiederverwendungsprojekt: 1/15/V2
- Schutzklasse: undefiniert
- Autonomer Betrieb: 6-8 Tage
- Hermetisierung: 12 Stunden je Flügel
- Bauzeit: 1968-1970
- Abmaße (inklusive Brunnenanbau): 36,2 x 34,8 m
- Gesamtinnenfläche: 750 m2
- hermetisierbare Fläche: 520 m2
- Stärke Außenwände: 12 cm
- Deckenstärke: 32 cm
- Netzersatzanlage: insgesamt 45 KVA (36 KW): Aggregat A und D: zwei Stück Gegenkolben-Dieselmotore 1HK65 mit Generator DCB 7,5-4/6
                               und 7,5 KVA Scheinleistung, Aggregat B und C: zwei Stück Gegenkolben-Dieselmotore 2HK65 mit Generator DCB 15-4/4
                               und 15 KVA Scheinleistung
- Treibstoffvorrat: 2 x 2500 l
- Fernmeldeanschluss: Gang 1, 10 Doppeladern
- Lufttechnische Anlagen: zwei Filteranlagen mit einer Förderleistung von 800 m3/h, zwei Lüfter für die Netzersatzanlagen
- Atemluftkompressor Typ A3HW1-32/70 zum Befüllen der Pressluftflaschen
- maximale Personenzahl: 135/400 (als Führungsstelle / als Luftschutzanlage)
- Wasserversorgung via Bauwerksbrunnen, Tiefpumpe Typ U 25, Hydrophore mit 750 l.

 

3.2 Baugeschichte

 

In der Planungsphase lautete die Bezeichnung des Stabsbunkers zunächst SBW I oder Schutzbauwerk I. Ab der Bauphase wurde dann "Obst- und Gemüselager"5 und abgewandelt die Bezeichnung "Obst- und Gemüsekeller" beziehungsweise das Kürzel "OGK" als Tarnbezeichnung für den Bunker genutzt. Eine konkrete Nutzungsfestlegung für das Bauwerk erfolgte, nebenbei bemerkt, zunächst nicht. Als Standort wurde ein Wäldchen, gelegen neben der Objektgärtnerei im Außenring, gewählt.

Die Planung und Projektierung erfolgte durch die nach dem 1967 erlassenem Befehl 1/67 gegründete Arbeitsgruppe des Ministers, Bereich B (Spezialbauwesen, kurz AGM/B). Für Die Bauleitung war die der AGM/B unterstellte Diensteinheit 250 (DE 250) zuständig. Diese Diensteinheit bestand aus MfS Offiziere im besonderen Einsatz (OibE), welche im VEB GAN Spezialbau Bernau tätig waren7. Die materielle Sicherstellung hatte, wie bei allen Bauvorhaben zu größeren Schutzbauwerken des MfS, die nicht in Eigenregie der Diensteinheiten errichtet wurden, die AGM/B vor zu nehmen. Die Bauausführung übernahmen Baupioniere des Wachregimentes4.

 

Dokument 6: Fundament- und Ausschachtplan5

 

Der konkrete Baubeginn erfolgte mit dem Ausheben einer 3,5 m tiefen Baugrube ab dem 11.7.19684. Ein Baugrundgutachten wurde vorher, anders als beim Objekt "SKP", nicht angefertigt. Nach 4 Tagen war die Baugrube fertig gestellt, es wurde festgestellt, dass sich unter dieser eine mächtige, nasse Lehm- und Tonschicht befindet. Nach Rücksprache mit dem Projektanten wurde jedoch lediglich eine 20 cm starke Kiesschicht als Sauberkeitsschicht ergänzt. Am 16.7.1968 begannen die Baupioniere des Wachregimentes dann mit dem Erstellen der Bodenplatte und darauf folgend mit der Montage des Schutzbauwerkes. Erst nachträglich im Jahr 1969 erfolgte die Bohrung eines Innenbrunnens durch einen zivilen Brunnenbauer und dessen Einbeziehung in das Bauwerk durch eine Erweiterung des Wasserversorgungsstollens an der Bauwerksspitze. Man hatte bei dem Bau des 1/15 des Wachregimentes (Gefechtsstand Teupitz) festgestellt, dass ein Schutzbauwerk als Führungsstelle ohne Innenbrunnen im Ernstfall nicht einsatzbereit sei5. Der Bau des Bunkers zog sich bis in das Jahr 1970, obwohl bereits am 12.12.1969 die Übergabe des Bauwerkes vom Wachregiment an die HA PS erfolgte5.

Am 1.4.1970 fand eine gemeinsame, größere Baustellenbegehung der HA PS, des Wachregimentes und der DE 250 statt5, eine aufgestellte Liste mit 15 Punkten zeigte dabei erhebliche bauliche Mängel in allen Fachbereichen auf, gravierend waren dabei diverse Undichtigkeiten im Baukörper, die durch mangelhafte Abdichtungsarbeiten entstanden waren. Weiter wurde festgestellt, dass der Baukörper im Schichtenwasser steht. Ursache war die nicht weiter berücksichtigte Lehmschicht unter dem Bauwerk. Als Problemlösung wurde das Bohren von Schluckbrunnen mit 30 cm Durchmesser rund um den Bauwerkskörper vorgeschlagen und ab dem 7. August 1970 dann auch durchgeführt. Die Beseitigung der restlichen Mängel an der Bauwerkstechnik war bis zum 7. August 1970 größtenteils erfolgt5, Probleme gab es vor allem noch an den Netzersatzanlagen, diese überhitzten nach etwa 2-3 Stunden Probelauf regelmäßig und schalteten ab.

 

Dokument 7: Schnitt durch das Bauwerk5

 

Am 5.8.1970 besichtigten mehrere Mitarbeiter der AGL HA PS das Bauwerk und planten die Innenausstattung des Bauwerkes als Führungspunkt für eine geplante Übung. Dabei wurde festgestellt, dass für einen Führungspunkt zunächst nur eine Bauwerkshälfte benötigt wird.

Bei einer Kontrolle des Bauwerkes am 3. November 1970 nach einer Schlechtwetterperiode5 durch Mitarbeiter der AGL der HA PS wurde festgestellt, dass das Bauwerksklima als äußerst ungünstig zu bezeichnen sei, vor allem die hohe Luftfeuchte im Bauwerk hatte schon erste Rostschäden und Schimmelbildung an der gesamten Bauwerksausstattung verursacht. Deshalb erging am 5. November 1970 ein Befehl des Leiters der HA PS, dass die Lüftungsanlagen tagsüber dauerhaft zu betreiben und sämtliches organisches Inventar auszuräumen und in einer Garage einzulagern sei. Danach wurden noch einige Male Probeläufe mit den Netersatzanlagen durchgeführt, um die Ursachen der thermischen Probleme bei den Aggregaten zu lokalisieren, letztendlich wurden die Lüfter in den NEA Stollen durch größere Aggregate ausgetauscht. Das Bauwerk wurde danach durch Mitarbeiter der AGL der HA PS instand gehalten, aufgrund fehlender Ausbildung und Bildung eines Wartungs- und Instandsetzungsdienstes (WID) folgten jedoch bald massive Verschleißerscheinungen am Bauwerk.

1981 erfolgte eine Kontrolle der AGM/B im Objekt OGK8. Festgestellt wurde, dass das Bauwerk sowohl technisch als auch personell nicht einsatzbereit sei. Als Maßnahmen wurden zunächst die notwendigen Reparaturen befohlen. Außerdem sollten 3-4 Mitarbeiter der HA PS als Stammbesatzung zur Wartung und Pflege ausgebildet und ein Wartung- und Instandsetzungsdienst (WID) gebildet werden. Eine weitere Kontrolle durch die AGM/B fand am 14.12.1983 statt. Vorgeschlagen wurde nun eine komplette Rekonstruktion der Bauwerkstechnik, um die Einsatzbereitschaft wieder her zu stellen. Mehr dazu im Abschnitt5.

 

Dokument 7.1, Belegungsplan, Vorschlag der HA PS als Grundlage für eine mögliche Rekonstruktion6

 

 

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