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4. Das Schutzbauwerk II: Das "Sieb-Kellerpumpwerk" (Der Familienbunker)

 

Dokument 8: Grundriss Wiederverwendungsprojekt 1/15/V2c9

 

4.1 Daten und Aufbau

 

Der Aufbau des zweiten Schutzbauwerkes in der Waldsiedlung, dem so genannten "Familienbunker", ähnelt auf dem ersten Blick stark dem des "Stabsbunker". Es handelt sich jedoch um eine wesentlich ausgereiftere Variante des Wiederverwendungsprojektes. Gebaut wurde auch hier eine doppelte Anlage des Bunkertyps 1/15, allerdings in Form des weiterentwickelten Projektes 1/15/Vc, mit der Typenbezeichnung 1/15/V2c. Die beiden Zugänge wurden hier diesmal mit einer Tarnbaracke überbaut, in der auch Gefechtsreserven eingelagert wurden1. Wieder findet man hier eine normale und eine spiegelbildliche, an den Hauptgängen aneinander gesetzte Ausführung des genannten Projektes vor. Beiden Hälften bestehen aus nun je 10 Raumstollen, wobei nur die linke Hälfte am Gang 8 einen Bauwerksbrunnenschacht angesetzt hat, die rechte Hälfte dagegen besitzt einen größeren Raum, gebildet aus den Gängen 15 und 16. Hierzu wurden spezielle Rahmenelemente mit doppelter Breite entwickelt (Rahmenelement 034). Die Lüftungsgänge sind hier an den Raumgängen 8 und 13 angeschlossen und verfügen nun über einen zusätzlichen Raum zur Aufnahme der Betriebsweisensteuerung. Beide Bauwerkshälften sind mit zwei Türen des Typs GT 80-180 untereinander verbunden, jede Hälfte dient gleichzeitig als Brandabschnitt.

Komplett neu gestaltet wurde beim Projekt 1/15/V2c auch der Schleusenvorbau. Während der Verbindungsgang mit seinen zwei Zugängen wie bei allen Varianten des Typenprojektes genauso vorhanden ist, wurde das Schleusensystem und die Räumlichkeiten der Netzersatzanlagen nun komplett symmetrisch angelegt. Von Beiden nun L- förmigen Vorschleusen zweigt zunächst ein Ablageraum ab, Vom L- förmigen Abzweig dann außerdem ein NEA Stollen. Zwischen NEA Stollen und Vorschleuse liegen die Kies-Druckwellendämpfer für die NEA Zu- und Abluft, zwischen den Dämpfern ist jeweils eine Tankanlage mit 2500 l Tankinhalt installiert. Die beiden Hauptschleusen schließen sich den Vorschleusen an.

 

Dokument 9: schweres Rahmenelement 02011

Dokument 10: schweres Rahmenelement 020/V11

 

Im Gegensatz zum Objekt "OGK" wurden bei diesem Bauwerk schwere Rahmenelemente vom Typ 020 (30 cm lang) und dessen Varianten 020/V (60 cm lang) zur Bildung der 14,03 m langen Raumstollen verwendet. Die Innenmaße dieser Rahmenelemente betragen 1,84 m x 2,01 m (B x H). Die Rahmenelemente sind mehr als doppelt so stark wie die verwendeten Elemente beim Objekt "OGK", die Wandungen der Elemente betragen 25 cm, der Boden 30 cm und die Decke 35 cm. Die Bodenplatte selbst, auf der die Rahmenelemente montiert wurden, besteht aus einer 10 cm starken, bewehrten Betonschicht und einer nochmals 10 cm starken Estrichschicht. Gesamtstärke des Bauwerksbodens: 50 cm. Über die Rahmenelemente wurde dann nochmals eine 15 cm starke, bewehrte Gefällebetonschicht gegossen und darüber nochmals 10 cm Estrich. Gesamtdeckenstärke des Bauwerkes: 60 cm. Die Erdüberdeckung beträgt 2 m. Um den gesamten Bauwerkskörper mit Ausnahme der Südwand des Verbindungsganges, wurden dann noch einmal hohle Stahlbeton-Voratzelemente mit einer Stärke von 67 cm auf die Bodenplatte gesetzt. Die daraus resultierende Gesamtaußenwandstärke: 92 cm. Die Südwand wurde zum Schutz der Hydroisolierung mit Mauerwerk verblendet.

Die 20 Raumstollen und die beiden LTA Kammern bildeten den Schutzkernbereich, auch "sauberer Bereich" genannt. Dieser Bauteil war hermetisierbar und wurde im Betrieb ständig auf einen Überdruck von 5 bis 40 mm Ws gehalten. In den Betriebsweisen I und II geschah dies über die Zuluftanlagen, in der Betriebsweise III wurde Pressluft aus Pressluftflaschen zum Halten des Überdruckes verwendet. Ein Anschluss für einen Atemluftkompressor zum Befüllen der Flaschen befand sich jeweils in den beiden LTA Kammern.

 

Verbindungsgang des Objektes "SKP"

linker NEA Gang mit Überresten der NEA Gestelle

 

Die technische Ausstattung des Bauwerkes war umfangreicher als beim Bauwerk "OGK". Als Netzersatzanlage wurden zunächst 6 Dieselaggregate mit insgesamt 75 KVA installiert, je Bauwerkshälfte jeweils zwei der 15 KVA Aggregate und ein 7,5 KVA Aggregat, allesamt mit den selben Gegenkolbenmotoren ausgestattet wie die Aggregate des Stabsbunkers. Nach der Rekonstruktion wurden komplett neue Aggregate eingebaut, nun insgesamt 6 Stück des Typs VDEA 15-2 mit jeweils 15 KVA Leistung. Die NSHV befand sich im Gang 1 zusammen mit der NEA Steuerung und dem Platz des Bauwerksdispatchers. Die Gesamtanschlussleistung aus dem Landesnetz betrug 100 KVA. Entsprechend der Anzahl der Netzersatzanlagen existierten 6 Elektro-Unterverteiler im Bauwerk, auf denen die Verbraucher möglichst gleichmäßig verteilt wurden. Durch eine Art "Patchfeld", bestehend aus 12 Kragensteckdosen war es möglich, Jedes der 6 Netzersatzaggregate einem beliebigen Unterverteiler zu zu teilen. Somit konnte bei Ausfall eines Aggregates dieses durch ein anderes ersetzt werden. Dieses Konzept findet man in allen 1/15/V2 Bunkeranlagen vor.

Die Lufttechnischen Anlagen waren umfangreicher als die Anlagen vom Objekt "OGK", je Bauwerkshälfte existierte eine Lüftungsanlage mit 800 m³/h Volumenstrom, dazu gehörten je ein Metallplattenfilter, ein Chemiefaserfilter, redundant ausgelegte Spezialfilter PFP 1000 (radioaktiver Staub) und FP-200 (Absorbtionsfilter für radioaktive, chemische und biologische Aerosole), 2 redundante Hauptlüfter, ein Reserverlüfter mit Tretantrieb und ein Lüfter zur Filterprüfung, ebenfalls mit Möglichkeit für den Handbetrieb. Ein elektrischer Lufterhitzer mit 2 Stufen konnte zur Erwärmung der Zuluft genutzt werden. In Betriebsweise III wurde die Lüftungsanlage manuell auf Umluftbetrieb umgerohrt und Regenerierpatronen vom Typ RP-100 auf Basis von Atemkalk zwischen geschaltet, zusätzlich dienten Luftregeneriereinheiten vom Typ RDU auf Basis von Kaliumhyperoxid zur Bindung von CO2 und dem Bilden von Sauerstoff. Der Verschlusszustand konnte bei diesem Bauwerk auch automatisch (es befand sich jeweils ein Thermostat in den Druckausbreitkammern) beziehungsweise fernbedienbar durch den Bauwerksdispatcher, ausgelöst werden.

 

Wasserversorgung (Gang 9)

Gang 15 und 16, Besprechungsraum

 

Zu den Anlagen der Wasserversorgung gehörte ein 72 m tiefer Brunnen10 mit einer Unterwasserpumpe, welche zunächst einen Vorratsbehälter mit 3000 l Tankvolumen befüllte. Eine nach geschaltete Hydrophore diente zur Konstanthaltung des Wasserdruckes. Eine im Zuge der Rekonstruktion installierte Wasserfilterstation Typ WFS 2/72 diente zum Entkeimen des Wassers.

 

Dokument 11: Grundriss mit Raumbeschriftung (nach Rekonstruktion)

 

Zusammenfassend hier noch einmal die Bauwerksdaten im Überblick:

- Tarnnamen: Sieb-Kellerpumpwerk, SKP, SBW II
- Wiederverwendungsprojekt 1/15/V2c
- Baukosten: etwa 4 Millionen Mark
- Schutzklasse9: D, Druckfestigkeit 3 Kp/cm2, ABC Schutz
- Autonomer Betrieb: 6-8 Tage
- Hermetisierung: 12 Stunden je Flügel
- Bauzeit: 1971 - 1973
- Abmaße: 38,45 m x 35,91 m
- Gesamtinnenfläche: 880 m2 (ohne Fläche Druckwellendämpfer der NEA)
- hermetisierbare Fläche: 625 m2
- Stärke Außenwände: 25 cm Stahlbetonrahmenelemente + 67 cm Vorsatzelemente
- Deckenstärke: 35 cm Stahlbetonrahmenelemente + 15 cm bewehrte Betonplatte + 10 cm Estrich
- Netzersatzanlage vor Reko: insgesamt 75 KVA (60 KW), je Flügel 3 Stück, Aggregate A, B, E, F = Gegenkolben-Dieselmotore 2HK65 mit
  Generator DCB 15-4/4 und 15 KVA Scheinleistung, Aggregate C und D: Gegenkolben-Dieselmotore 1HK65 mit Generator DCB 7,5-4/6 und
  7,5 KVA Scheinleistung
- Netzersatzanlage nach Reko: insgesamt 90 KVA ( 72 KW), je Flügel 3 Stück VDEA 15-2, 4 Zylinder Viertaktdieselmotor 4VD 8,8/8,5 mit
  Generator DGKIO 15-4/R
- Treibstoffvorrat: 2 x 2500 l
- Elektrische Anschlussleistung: 100 KW
- Nach Rekonstruktion zentrale Batterieanlage für Notbeleuchtung.
- Lufttechnische Anlagen: zwei Filteranlagen mit einer Förderleistung von je 800 m3/h und elektrischem Lufterhitzer, Metallplattenfilter,
  Faserfilter, 2 Vorfilter PFP-1000, 8 Absorbtionsfilter FP-200, 6 Stück RP-100 Regenerierpatronen für Umluftbetrieb in BW III, jeweils
  1 Prüflüfter Typ VRE 100, sechs Lüfter für die Netzersatzanlagen
- Atemluftkompressor Typ A3HW1-32/70 zum Befüllen der 42 Pressluftflaschen
- maximale Personenzahl: 135/400 (als Führungsstelle / als Luftschutzanlage)
- Wasserversorgung via Bauwerksbrunnen mit 72 m Tiefe10, Unterwasserpumpe Typ U 32/4, Reservepumpe Typ U 25, eine
  Hydrophore mit 850 l, ein Vorratstank zu 3000 l.

 

4.2 Baugeschichte

 

Dokument 12: Plan der Waldsiedlung zur Standortbestimmung von "SBW II", man beachte das noch eingezeichnete "SBW III"6

 

Die Arbeiten am zweiten Bunker in der Waldsiedlung begann gleich nach Fertigstellung des ersten Schutzbauwerkes.
Die Tarnbezeichnung des Bauwerkes lautete zunächst "SBW II", später dann Sieb-Kellerpumpwerk beziehungsweise dessen Kürzel "SKP".
Als Standort wurde das Waldgebiet im westlichen Bereich des Außenringes festgelegt. Die Projektierung, Bauleitung und Bauausführung erfolgte analog dem SBW I, also Projektierung durch die AGM/B, Bauleitung durch die DE 250 und Ausführung durch Baupioniere des Wachregimentes.
Im Jahr 1970 wurde, nach den schlechten Erfahrungen beim Bau des Stabsbunkers, zunächst eine Baugrunduntersuchung angeordnet und vom 1.9 bis 2.9.1970 durch eine Brunnenbaufirma auch durchgeführt6.
Der Transport der Fertigteile für den Bunker in die Waldsiedlung erfolgte allerdings schon vorher, ab dem 24.8.1970 durch Baupioniere des Wachregimentes6.

Dokumente 13 - 15 zum Baugrundgutachten

 

 

Ein Interessanter Aspekt bei der Planung ist die Tatsache, dass als Wiederverwendungsprojekt zunächst das Projekt 1/15/V2b geplant und dessen Bau auch begonnen wurde. Zunächst wurde der Bauwerksbrunnen gebohrt und diente als Festpunkt für die Montage des Hauptbauwerkes. Die Erdarbeiten begannen im August 1971, beim Ausführen der Betonierungsarbeiten für die Bodenplatte erfolgte dann eine Projektänderung seitens der AGM/B, das neue (und auch finale) WV-Projekt 1/15/V2c unterschied sich zwar nur hinsichtlich des Schleusenanbaus vom Projekt 1/15/V2b, trotzdem musste teilweise die Bodenplatte wieder abgerissen, neu eingemessen und betoniert werden12. Während der Bauarbeiten durfte aus Gründen der Tarnung eine geplante Restaurierung von Hochspannungsmasten der nahe gelegenen Trasse durch den Energieversorger nicht durchgeführt werden8.

Das Bauwerk wurde im November 1973 schließlich an die AGL der HA PS übergeben, auch hier war noch eine Vielzahl an Mängeln zu beseitigen. So gab beispielsweise es Undichtigkeiten im Bereich der linken Netzersatzanlagen und des Schleusenvorbaus, so dass Wasser in das Bauwerk sickerte10. Analog dem Objekt "OGK" wurden auch bei diesem Bauwerk die speziellen Filteranlagen nur zur Erprobung der Lüftungsanlagen eingebaut, danach aber wieder entfernt und eingelagert. Ähnlich wie beim Objekt "OGK" wurde außerdem auch hier nur von Zeit zu Zeit die Einsatzbereitschaft des Bauwerkes durch die AGL der HA PS geprüft, so dass nach und nach Verschleißerscheinungen infolge mangelhafter Wartung auftraten. Auch stellte die AGM/B, DE250 im Dezember 1983 fest, dass das Bauwerk aufgrund schlechter Pflege und Wartung, außerdem durch eine mittlerweile veraltete Projektierung, in keinster Weise einsatzbereit sei8. Eine Rekonstruktion des Bauwerkes wurde für das Jahr 1985 angedacht.

 

 

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